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Scrum vs. klassisch: ein Wettlauf, zwei Gewinner

Die Vor- und Nachteile von Scrum und klassischem Projektmanagement.

Carsten Severin

Verantwortet als Head of Project Management Office (PMO) bei KUMAVISION die Projektimplementierung und ist zertifizierter Project Management Professional (PMP)®, Scrum-Master sowie Product-Owner.

Die Geschichte ist voll von Beispielen, in denen eine neue Technologie eine alte verdrängt hat. Die Axt ersetzte den Faustkeil, das Auto die Pferdekutsche, der LED-Fernseher das alte Röhrengerät und der Beruf des Schriftsetzers hat sich komplett in die digitale Welt verlegt. Droht dieses Schicksal jetzt auch dem klassischen Projektmanagement? Die Antwort lautet ganz klar „Nein“. Auch wenn Scrum als agile Methode firmiert, heißt das noch lange nicht, dass klassisches Projektmanagement behäbig wäre. Die Ansätze funktionieren nur anders. Deshalb schicken wir sie in ein Wettrennen und arbeiten die Vor- und Nachteile der jeweiligen Methode heraus.

 

Diagnose/Analyse

Beim Start sind beide Methoden gleichauf. Auf den ersten Metern bewegen sie sich im Gleichschritt: Ob klassisch oder agil: Gemeinsam analysieren die Projektbeteiligten, was der Kunde braucht und welches Ziel mit dem Projekt erreicht werden soll.

 

Anfangsplanung

Im zweiten Streckenabschnitt biegt das klassische Projektmanagement ab und macht einen Umweg. Es wird ganz exakt und detailliert geplant, welche Anforderungen es gibt und welche Lieferleistungen vereinbart sind. Das Ziel sind möglichst wenige Änderungen (Change Requests) und ein möglichst stringentes Abarbeiten des Pflichtenhefts. Scrum trägt lediglich die grundlegenden Anforderungen zusammen und zeichnet ein grobes Bild, was am Ende stehen wird. Diese Anforderungen listet der Product Owner im Product Backlog auf und priorisiert sie.

 

Design/Entwicklung

Bei Design und Entwicklung holt das klassische Projektmanagement auf. Die Beteiligten arbeiten die präzise ausformulierten Vorgaben aus dem Pflichtenheft 1:1 ab. Milestones und Quality Gates stellen sicher, dass das Projekt im Zeitrahmen bleibt und die geforderten Standards eingehalten werden. Allerdings ist es nicht vorgesehen, auf sich ändernde Anforderungen oder Rahmenbedingungen zu reagieren.

Scrum biegt in dieser Phase einen Rundkurs ab und tastet sich in iterativ inkrementellen Schritten vor. In kurzen Abschnitten (Sprints) arbeitet das Team die wichtigsten Funktionalitäten aus dem Product Backlog ab. Der große Unterschied zur klassischen Vorgehensweise ist, dass aus diesen Anforderungen ein in sich lauffähiges Teilprodukt hergestellt und anschließend präsentiert wird. Bei Scrum sind Design, Entwicklung und Präsentation Teil jedes Sprints. Anschließend analysiert das Team, was man besser machen kann und welche weiteren Funktionen aufgenommen werden sollen. Dies nimmt der Product Owner ins Product Backlog auf und priorisiert neu. Aus dieser Liste werden wieder die wichtigsten Anforderungen in den nächsten Sprint aufgenommen. So nährt sich Scrum in kurzen Schritten dem an, was für den Kunden die optimale Lösung darstellt.

 

Bereitstellung/Betrieb

Das klassische Projektmanagement hat jetzt das Pflichtenheft komplett abgearbeitet und präsentiert dem Kunden das fertige Produkt als Ganzes in einem „Big Bang“. Während an der Grundstruktur keine Modifikationen mehr vorgesehen sind, können Details jetzt noch geändert werden. Bei Scrum kennt der Kunde durch die Präsentation jedes einzelnen Sprint-Ergebnisses bereits das Resultat. Da am Ende jedes Sprints ein in sich lauffähiges Inkrement steht, kann er jederzeit entweder eine weitere Entwicklung als notwendig erachten oder das Ergebnis als passend akzeptieren.

Im Gleichschritt gehen also klassisches Projektmanagement und Scrum über die Ziellinie. Beide gönnen sich in unterschiedlichen Phasen einen kleinen Umweg und sind am Ende gleichauf. Ein Wettlauf mit zwei Gewinnern.

 

Vergleich nach Disziplinen

Die unterschiedliche Arbeitsweise in den Projektphasen führt dazu, dass es in den einzelnen Disziplinen klare Unterschiede gibt:

 

Klassisches Projektmangement

Vorteile

  • Projektumfang steht von Anfang an fest
  • Reduziert Risiken dank gut dokumentierter Funktionen und Anforderungen
  • Projektteam des Kunden hat in der Regel Erfahrung mit klassischem Projektmanagement

Nachteile

  • Veränderte Anforderungen oder Rahmenbedingungen können im Projektverlauf nicht mehr aufgenommen werden
  • Nutzen ist erst mit der Präsentation des gesamten Produkts für den Kunden erfahrbar

Klassisches Projektmanagement ist besonders geeignet, wenn zu Beginn des Projekts bereits detailliert feststeht, was der Kunde braucht. Wenn also die Anforderungen und die benötigte Technologie geklärt sind und nicht zu erwarten ist, dass sich im Projektverlauf daran etwas ändern wird.

 

Scrum

Vorteile

  • Kunde begleitet das gesamte Projekt – Fehlentwicklungen fallen früh auf
  • Flexibilität, um auf neue Wünsche oder veränderte Voraussetzungen eingehen zu können
  • Nutzen wird für den Kunden schnell erfassbar
  • Budget- und Terminrisiken durch inkrementelle Vorgehensweise beherrschbar

Nacheile

  • Die Abwicklung der Sprints erfordert aufwendigere Prozesse
  • Projektteam des Kunden hat in der Regel wenig Erfahrung mit agilem Projektmanagement

 

Geht nur entweder oder?

Ob klassisch oder agil – beide Methoden haben ihre Daseinsberechtigung. Bei einfachen Projekten mit klaren Anforderungen würde der Aufwand der iterativ inkrementellen Vorgehensweise keinen zusätzlichen Nutzen bringen. Je komplexer und unklarer das Projekt wird, desto anfälliger ist das klassische Projektmanagement für Fehlplanungen und der agile Ansatz spielt seine Stärken aus.

Obwohl klassisches und agiles Projektmanagement in ihrem Ansatz grundverschieden sind, schließen sie sich keineswegs gegenseitig aus. Gerade in größeren Projekten kann es sinnvoll sein, beide Ansätze zu kombinieren.

 

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